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Aus dem Kapitel "Unruhiger Sommer"

Wieder ein Sommer am Porcupine River und damit die Furcht vor den unruhigen Zeiten, die er mit Sicherheit bringen wird. Freunde und Bekannte, Fremde und Touristen, die Außenwelt rüstet sich wieder, um in die Ruhe einzudringen. Sie alle sind in großer Eile - berechtigt oder nicht.
Sommerzeit heißt für mich auch Staunen und Verwirrung. Denn die Welt wird meine Wege kreuzen und mir erzählen, was sie für wichtig hält. Und dann werde ich mich fragen müssen, warum es nicht für mich so wichtig ist. Die Erkenntnis wird kommen, dass der Planet sich auch ohne mich weiter gedreht hat - was mich aber nicht weiter stört.
Störend werden die dummen Ratschläge sein, was ich in der Wildnis haben sollte. Und die impertinenten Fragen, was ich in der Wildnis mache.
Keinem wird der Gedanke kommen, dass ich leben will, wirklich leben.
Nicht niedergehalten vom materiellen Besitz und scheinbaren Bedürfnissen einer Welt, die mir sagen will, wie ich zu leben habe oder was ich machen muss, um als Lebewesen anerkannt zu sein. Machen muss ? Nein - was ich haben muss !
Denn alles dreht sich in der Zivilisation um das "Haben" von Dingen.

Das Eis ist dieses Jahr schon früh auf seine Reise gegangen, doch ist das eine subjektive Betrachtung. Immerhin schreiben wir schon den Monat Mai.
Und wie in jedem Frühling reinige ich meine Seele mit einem speziellen Feuer. Persönlicher Besitz wird zusammengetragen und angezündet. Natürlich nur bestimmte Dinge und ohne die blinden Augen eines Fanatikers, der ablehnt, was er selbst nicht braucht. Nur jene Dinge, welche ich schon länger als ein Jahr nicht benutzt habe und die nicht absolut zum Überleben notwendig sind.
Leicht ist das nicht und wieder brauche ich Tage, um Entscheidungen zu fällen. Das Prinzip der Auswahl ist jedes Jahr das gleiche: Am Anfang werfe ich alles auf einen Haufen und dann wird sortiert. Was brauche ich und was kann weg ? Oft genug bleibt eine Menge übrig. Doch meine Richtschnur ist mein Rucksack und die Kraft ihn zu tragen. Beweglich will ich sein.
Also werden die Überbleibsel noch einmal sortiert. Das wiederholt sich, bis ich mit dem Endergebnis zufrieden bin.
Vielleicht hängt diese Handlung auch damit zusammen, dass ich jeden Früh-ling dem Eis mit Sehnsucht nachschaue, wie es hinter der nächsten Kurve verschwindet. In meinem Geist folge ich ihm bis zum Norton Sound am Ende des Yukon River. Und ich begegne auf dieser Reise all den wunderbaren Menschen, die ich auf meinen Wanderungen kennen gelernt hatte. Wie mag es ihnen wohl gehen ?
Und wie bei jedem Eisbruch frage ich mich, ob es nicht gut wäre, dem Eis zu folgen ?

Doch dann sehe ich die Flugzeuge, die Boote und die Kanus mit ihrer mensch-lichen Last und ich erfreue mich an meiner Welt. Stehe am Fluss, beobachte eine Elchkuh mit ihrem Kalb und fühle mich mit ihnen mehr verbunden als der Welt, die hinter dem Horizont liegt.
Mitte Mai beginnt der erste kräftige Regen des Jahres. Nicht die kleinen Nieselregen, welche nicht einmal genug sind, um alle Blätter eines Baumes mit Feuchtigkeit zu überziehen.
Ich hoffe, dass der Regen reichlich in den Bergen fällt. Dann wird der Fluss wieder ansteigen und das restliche Eis mit sich nehmen. Hier und dort helfe ich mit einer langen Stange nach, eine unsinnige Arbeit wie es scheint. Doch denke ich dabei an den Zugang von möglichen Booten zur Uferbank.
Der Anstieg ist steil, um die 70 Grad. Und nur ein trockner Boden gibt genug Halt, um nicht zu stürzen und gefahrlos Material zu transportieren. Und jeder Eisblock, ca. zwei Meter hoch, hat viel Wasser in sich.
So repräsentiert meine Handlung die Summe der Erfahrungen.



Drei Tage später werde ich von den Geräuschen eines Bootsmotors aus der Beschaulichkeit gerissen. Die umliegenden Hügel haben eine ausgezeichnete Akustik, sodass ich mögliche Besucher schon Kilometer vorher hören kann.
Schnell bereitete ich Kaffee und heißes Wasser vor, um den Reisenden etwas Warmes anbieten zu können. Vom Vorbau aus beobachtete ich, wie ein Boot um die Flussbiegung kommt und die Geschwindigkeit drosselt. Es müssen Leute aus Fort Yukon sein und ich bin mir jetzt sicher, dass sie halten werden.
Groß ist meine Überraschung, als der Motor wieder an Stärke gewinnt und das Boot sich meinem Blick entzieht.
Dann eben nicht, denke ich mir. Immerhin brauche ich auch keine Hilfe, um den Kaffee allein zu trinken. Nachdenklich bin ich aber doch. Was hat diese Aktion zu bedeuten ? Schließlich zucke ich mit den Schultern. Immerhin war das Boot von Menschen gesteuert, und die sind nicht immer rational.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob Besucher wirklich willkommen wären.
Meine Arbeiten an den Fellen sind noch nicht abgeschlossen, und durch meinen Kopf jagen noch viele kleine Projekte. Die meisten haben damit zu tun, was ich gegen eine anwachsende Fliegen- und Mückenplage machen kann.
Es ist jetzt schon unmöglich, außer in den kühlen Morgenstunden, auf der Veranda zu sitzen und den Tag zu genießen. Ich fülle Blechbüchsen mit Borke und grünem Gras, entzünde das Ganze und einiger Rauch entwickelt sich. Doch eine große Hilfe ist das auch nicht.
Ich fühle mich wie der Pharao, dem Moses wieder eine Plage schenkte.


Das Wetter der letzten Maitage gestaltet sich wie ein Abschiedsgruß des Winters. Morgens wache ich bei Minusgraden und Schnee auf, doch das ist nichts Neues. So etwas kann einen auch später im Jahr überraschen.
Mit der Zeit hat auch der Porcupine River seine normale Höhe gefunden und am anderen Flussufer ist eine lange Sand- und Kiesbank wieder sichtbar geworden.
Jeden Sommer dient sie als Landeplatz für die kleinen Flugzeuge von Besuchern, Expeditionen und staatlichen Organisationen des Naturschutzes.
Sie ist von exquisiter Länge, Breite und Qualität, verglichen mit anderen Plätzen, wo Buschpiloten landen müssen. Der Ruf dieser Männer, ihre Fähigkeiten, auch unter schwersten Bedingungen zu fliegen, ist der Stoff vieler Legenden in Alaska. Ich schenke den wildesten Geschichten und Berichten vollen Glauben, denn ich habe sie in Aktion gesehen. Das waren Leute nach meinem Herzen !
Die Arbeiten an der Landebahn sind einfach und schnell erledigt. Alles, was ich tun muss, ist Landezeichen zu bilden, aufzustellen und die größten Steine aus dem Weg zu räumen. Dabei muss man besonders genau vorgehen. Die kleinen Flugzeuge brauchen nicht viele Meter um zu starten und zu landen, doch konnte ein Fehler meinerseits schnell zu einer Bruchlandung führen. Oder ein aufgewirbelter Stein den Flugkörper durchschlagen. Päpstlicher als der Papst war ich nie, aber bei aller Arbeitsgeschwindigkeit sehr genau.
Doch die Landebahn hat auch einen Nachteil. Wenn ich nicht weiß, dass jemand kommt, dann stehen die Besucher am anderen Ufer und können nur hoffen, dass ich in der Nähe bin. Mehr als einmal ist das nicht der Fall.


Die Temperaturen bleiben Anfang Juni konstant über dem Gefrierpunkt. Es ist Zeit für mich, wieder in mein Zelt zu ziehen. Nur dort fühle ich mich richtig wohl und schlafe ohne Unterbrechung durch die ganze Nacht.
Dazu nutze ich mein großes Domzelt, welches fast zwei Meter hoch ist und reichlich Raum für Bewegung und Ausrüstung bietet. Und das werde ich brauchen, um nicht wegen jeder Kleinigkeit in das Haus zu müssen. Ich lege den Boden mit Fellen aus und schaffe mit Plastikboxen Tisch und Sitzgele-genheiten. Ein angenehmes Leben.
Es mag für Besucher sonderbar aussehen, neben einer schönen Hütte ein Zelt zu finden. Doch das interessiert mich wenig, denn ich lebe, wie es mir angenehm ist und nicht den anderen.
In meinen Wanderjahren habe ich zu viele Nächte in einem Zelt geschlafen und das nicht nur in der warmen Jahreszeit. Und es gefällt mir. Nicht nur, dass ich besser schlafe, auch Muskeln und Knochen sind selten verspannt.
Ich unterwerfe mich jetzt der Notwendigkeit einer Hütte am Porcupine River einzig aus dem Grund, dass ich hier Fallensteller bin. Diese Arbeit braucht einfach eine warme Hütte im Winter. Wie soll ich denn die Tiere auftauen, waschen, häuten, trocknen und die Felle bearbeiten ?
Doch mit der Wintersaison hinter mir, kann ich wieder meinen ganz privaten Wünschen und Bedürfnissen folgen.