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Aus dem Kapitel "Winter am PP"

Es scheint in diesem Jahr, im Gegensatz zu vergangenen, ein verspäteter Winter zu werden. Der erste leichte Schnee ist schon gefallen, doch es ist noch nicht so kalt, dass er liegen bleibt oder sich Eis auf dem Fluss bildet. Das muss wohl an der Klimaerwärmung liegen, von der die Zeitungen so viel berichten und die halbe Welt spricht.
Immer wieder blicke ich zum grauen Himmel hinauf, in der Hoffnung, dass er sein Winterversprechen hält. Aber wie es aussieht, will der Herbst nicht gehen.
Mit einem resignierenden Seufzer wende ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Flussufer zu. Rechts von mir ein sechs Meter hohes Steilufer, das oben von einem dichten Wald gesäumt wird, und ein zehn Meter breiter Uferstreifen, der aus meist aus Kies besteht und von Treibholz übersät ist.

Warum also jetzt die Mühe, in diesem unfreundlichen Wetter nach einem Stachelschwein zu suchen?
Die eine Hälfte der Ursache sitzt in der Hütte und die andere ist irgendwo zwischen hier und Fort Yukon. Dabei handelt es sich um Mobby und seine Frau Ellen, beide hoch im Rentenalter, welche es mir ermöglicht haben, einen festen Punkt in der Wildnis zu finden. Bis ich sie kennengelernt hatte, war ich nur ein Wanderer. Heute hier und morgen dort. Niemals lang genug in einem Ort ,um mehr als ein Besucher zu sein.

Während Mobby ein Weißer ist, handelt es sich bei Ellen um eine Indianerin. Beide nicht größer als 175 cm, kräftig gebaut und mit aufrechtem Gang. Mobby trägt sein volles graues Haar voller Stolz, Ellen hat immer noch dunkles Haar. Man möchte ja keine falschen Unterstellungen machen, aber ich habe den Verdacht, dass sie ihre Haare von Zeit zu Zeit färbt.
Während er gerne das Raubein darstellt, dabei natürlich einen weichen Kern hat, ist sie die Mütterlichkeit in Person.
Und bei Gott, diese beiden Menschen verhielten sich mir gegenüber wie Eltern. Sie nahmen mich, einen Fremden, mit offenen Armen in die Familie auf, sorgten sich um mich mit Liebe und Trost, Zurechtweisung und Hilfe. Ich weiß nicht warum sie es tun, aber für diese beiden Menschen würde ich in die Hölle gehen.

Dieser Mann, wie ein Vater, den ich nie hatte, war jetzt mit erfolgreichen Jägern auf dem Weg nach Fort Yukon und will Miss Ellen mit einem anderen Boot, bevor der Fluss zufriert, abholen.

Ich vergöttere Miss Ellen mit meinem ganzen Herzen und versuche, ihr die Wünsche von den Lippen abzulesen, diese alte Indianerin, welche immer ein gutes Wort für mich hat und eine extra Portion auf dem Teller. Und sie liebt den Geschmack von Stachelschweinfleisch - nahezu fanatisch.
Sie ist eine wunderbarer Lehrerin in den Fragen der Pelzverarbeitung, Nadelarbeit und dem weisen Verbrauch der Jagdbeute und wie man diese haltbar macht.
Es ist nicht wichtig, was von der Jagd mitgebracht wird, welche Beeren und Kräuter man sammelt - sie hat für alles eine Verwendung.

Von Miss Ellen weiß ich z.B. die Zubereitung von Stachelschwein, was man ihr aber nicht zum Vorwurf machen kann, sowie Elchnase und Bisamratte.

Sie zeigt auch viel Geduld, wenn sie mir erklärt, wie ich die Felle bearbeiten muss, das Säubern und Verarbeiten, die Wege zum Leder oder Pelz.
Um ein Loblied über sie zu singen, bräuchte ich Wochen.

Wieder beginnt es zu schneien. Dicke Flocken fallen vom Himmel und ich beschleunige meinen Schritt, um den letzen Kilometer zur Hütte zurückzulegen. Angekommen ist der Schnee schon einige Zentimeter hoch und ich verstaue verschiedene Dinge , von denen ich nicht wünsche, dass sie im Schnee begraben werden, in den Gebäuden. Doch genauso plötzlich wie der Schneefall begonnen hat, ist er zu Ende.
Miss Ellen schläft den Schlaf der Gerechten und ich beneide sie darum. Um mitten am Tag schlafen zu können ,fehlt mir die Ruhe, denn ich habe das Gefühl, dass ich viel verpassen werde, wenn die Augen ruhen.
Da Miss Ellen immer noch schläft und ich sie nicht wecken möchte, entschließe ich mich doch noch zu einem erneuten Streifzug am Fluss. Diese Stille, diese Weite! Ich mache mir ein kleines Feuer, brate etwas Karibufleisch, welches ich als Wegzehrung mitgenommen habe, und schaue und schaue und bekomme doch nicht genug, von dem, was die Natur bietet. In der Ferne, hinter einem großen Gebiet von Sumpf- und Hügelland erheben sich Bergketten von einer Seite zur anderen. Dort ist die Grenze für meine südlichen Erkundungen. Im Norden liegt die Brooks Range, eine Gebirgskette, die gewaltiger als die Alpen ist, und westlich fließt der Collin River, der von diesem Gebirge gespeist wird. Im Osten ist die Grenze zu Canada als "meine" Wirkungsgrenze gesetzt.
Um das alles, alleine und zu Fuß, zu erforschen wird man Jahre brauchen.

Bei Anbruch der Nacht bin ich in der Hütte zurück und setze mich mit Miss Ellen bis 21.30 Uhr an das Radio, um die "Trapline News" zu hören. Dabei handelt es sich um eine Radiostation, in Nordpol (Alaska), bei der jeder anrufen kann, um persönliche Grüße und Nachrichten an die Menschen in den Fischercamps und Hütten in der Wildnis zu senden. Wir hoffen, etwas von Mobby zu erfahren.

Das neue Tageslicht reißt die ersten kleinen Eisstücke, die den Fluss heruntertreiben, aus der Dunkelheit,. Für Tony und Butch sollte es nun an der Zeit sein, sich auf den Heimweg zu machen. Lange wird der Fluss nicht mehr befahrbar sein und eine innere Stimme sagt mir, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis Väterchen Frost wirklich ernst macht. Was das Wetter bisher geliefert hat, verdient es nicht, Winter genannt zu werden. Aber die beiden wollen noch eine Nacht bleiben und ich kann nur mit den Schultern zucken. Es ist nicht mein Problem, nach Fort Yukon zu kommen, und des Menschen Wille ist sein Himmelreich.
Besorgt betrachte ich den Fluss. In den Morgenstunden bildet sich schon hauchdünnes Eis am Ufer und ich erwarte, dass in jedem Augenblick die ersten größeren Schollen den Fluss herunter treiben.
Im Radio ist zu hören, dass Mobby auf dem Weg ist und wir ihn in der kommenden Nacht erwarten können. Ein kollektives Aufatmen geht durch unsere Runde. Besonders freut es mich für Miss Ellen, denn sie war in den letzten Tagen etwas zu angespannt. Verständlich, denn da war die Fragen nach dem Schicksal ihres Ehemannes und mit der Zeit vermisst sie ihre Familie und Freunde.